Ich schätze mich glücklich, denn aktuell bekomme ich wöchentlich Fassproben aus Schottland, Deutschland und Irland per Post gesendet. Doch nach welchen Kriterien beurteile ich solch ein Fass? Was bringt mich dazu, mich für das jeweilige zu entscheiden? Viel Spaß beim Lesen… 😉

Wenn der Postbote klingelt…

Mein Postbote weiß genau, dass sich in nahezu jeder Sendung, die er mir zustellt Whisky befindet! Egal ob Maxibrief oder großes Paket, was sicher daran liegt, dass ich vorallem aktuell mehrmals pro Woche Samples der verschiedensten Brennereien zugeschickt bekomme. Stellenweise sind es einfach nur Muster neuer Abfüllungen. Meistens allerdings Proben von einzelnen Fässer, die als potentielle Pat Hock Whisky-Abfüllung in der Flasche landen könnten.

Basics

Natürlich wandert mein erster Blick auf die Eckdaten des Fasses.

– Welche Destillerie habe ich da im Sample? Welche persönlichen Erfahrungen habe ich mit dieser Brennerei gemacht? Wie empfand ich in der Vergangenheit deren Grundcharakter?

– Wie alt ist der Whisky? Und wie hat sich der Alkoholgehalt in Relation zum Alter entwickelt? Wie hoch wird wohl der Angel’s Share nach diesen Jahren im Fass sein? Auch im Bezug auf die spätere Anzahl an Flaschen.

– In welchem Fass reifte der Whisky? Mit welchen Aromen rechne ich beim Verriechen und Verkosten aufgrund des Fasstyps und des Alters pauschal?


Diese Fragen stelle ich mir, bevor ich die Fassprobe aktiv in Angriff nehme. In meinem Kopf einsteht ein Grundgerüst, basierend auf den Eckdaten und eine gewisse Erwartungshaltung an die Fassprobe selbst.

Das Verriechen

Ich schenke mir 1-2 cl ein, abhängig von der Größe des Samples. Mir ist es immer recht, wenn ich mindestens 10 cl eines Fasses als Probe bekomme, denn so kann ich den Inhalt auf mehrere Male verkosten und mich auch mit Wasser experimentieren. Bei 2 cl ist das häufig schwieriger, denn ich habe schlicht und ergreifend nicht die Menge, um großartig zu verdünnen. Im Glas selbst beurteile ich die Farbe. Pauschal ist diese niemals ein Auswahlkriterium. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass ein dunkler Whisky im Verkauf später einfach besser läuft als ein heller. Real Talk! Hierzulande legt man als Whiskygenießer sehr viel Wert auf Natürlichkeit. Kein Farbstoff, keine Kühlfilterung. Wenn der Whisky allerdings auf natürliche Art und Weise gefärbt ist, beispielsweise durch ein sehr aktives Sherryfass und infolgedessen später tiefdunkel in der Flasche landet, gehen viele steil. Wie schon gesagt – für mich spielt das keine Rolle. Hat der Whisky eine gewisse Farbe, ist das ein Bonus. Aber sicherlich kein Kriterium!
Im Hinterkopf mein zuvor generiertes Grundgerüst verrieche ich den Whisky. Und hier lasse ich mich komplett von meiner ersten Intuition leiten. Ein Fass, welches direkt hier schon gefällt rückt sicher direkt auf die „To Bottle-Liste“, sollte der Rest ebenfalls passen. Bewusst suche ich nun die Aromen, die von der Papierform her auftauchen sollten.

Als Beispiel: Ich habe vor mir eine Fassprobe von Craigellachie aus der Speyside, 10 Jahre in einem Refill-Oloroso Sherryfass gereift, 58 % vol. Alkohol.
Für mich hat Craigellachie immer etwas herbes in der Nase und auf der Zunge, was von mir meistens als Birne und deren Schale gedeutet wird. Im Altersbereich bis 15 und in Kombination mit einem einfachen Bourbonfass fördert das Herbe oft eine gewisse Malzigkeit. Von dieser Herbe gehe ich nun bei dieser Fassprobe aus. Das Refill-Sherryfass wird sicher, da nicht First Fill leichter auf den Malt eingewirkt haben. Ich rechne mit zarter Nussigkeit, mehr aber mit einer etwas tieferen Fruchtigkeit, gefördert durch das Sherryfass. Blutorange, Grapefruit, leichte Würzigkeit. Und nach diesen als Beispiel genannten 12 Jahren auch eine gewisse Eichenholzfracht, die angenehm daher kommt, weil der Alkoholgehalt nach dieser Zeit Träger der Komplexität ist und gut eingebunden sein sollte.

Mit diesem Gedankenkonstrukt gehe ich ans Verriechen. Entweder der Whisky ist intensiver als erwartet, milder als erwartet oder er erfüllt die Erwartung. Meine Tasting Notes bringe ich minutiös zu Papier.

Das Verkosten

Prinzipiell verkoste ich eine Fassprobe immer mit dem Alkoholgehalt, der auf dem Etikett steht. Einmal auf der Zunge notiere ich mir genau, was man schmeckt. Spiegelt sich das Gerochene wider? Ist der Alkohol gut eingebunden? Wieviel spürt man vom Fass? Sticht etwas heraus, was mir besonders gut gefällt? Erst nach dem Verriechen und Verkosten der Faßstärke gebe ich Wasser hinzu. Und beobachte erneut, wie sich der Whisky verhält. Sehr behutsam setze ich das Wasser ein, was aber auch wieder davon abhängig ist, wie groß das Sample der Fassprobe war. Besonders bei deutschen Whiskys macht das Verdünnen mit Wasser Sinn, denn viele Brenner gehen mit Alkoholgehalten von 70 % und mehr ins Fass. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass viele Fässer nach mehreren Jahren immer noch Mitte 65 % haben, was schlicht und ergreifend pauschal gesagt zu viel ist. Step by Step verdünne ich die Fassprobe, dokumentiere die Veränderungen – wenn sie stattfinden. Und vergebe letztendlich dem Whisky eine Schulnote.

Das finale Kriterium

All‘ das was ich bis dato zu den Fassproben notiert habe, meine Eindrücke, meine Vorstellung, mein Fazit schreibe ich komplett ohne Kenntnis des Preises nieder. Dieser spielt bei meiner Beurteilung erstmal keine Rolle. Tatsächlich notiere ich mir aber nach Abschluss meiner Geschmacksnotizen einen Preis, den ich als Whiskygenießer für eine Flasche maximal bereit wäre zu zahlen! Wie im oben genannten Beispiel, sollte der 12 Jahre alte Craigellachie meinem Geschmack entsprechen preislich für die 0,7 Liter 59,90 €. Ab diesem Zeitpunkt steht der Preis für mich persönlich grob fest. Nun geht es an die Verhandlung! Ich frage im Detail ab, wieviele Flaschen das Fass ergeben wird, was mich die Flasche im Einkauf kostet. Und das ist das letztendlich wichtigste Kriterium. Was nutzt mir die geilste Fassprobe, wenn ich den Whisky bei 59,90 € sehe und er dafür auch ein mega Preis/ Leistungsverhältnis bietet, ich den Preis aber nicht bekomme! Natürlich kann man sich irgendwo entgegenkommen – leben und leben lassen. Sollte aber so eine Flasche später 89,90 € kosten, dann sind die Verhandlungen an der Stelle beendet! Schade, aber ich lasse mich wie schon zu Anfang erwähnt von meiner Intuition leiten: Was wäre mir der verrochene und verkostete Whisky wert. Punkt. Stimmt der Preis, wird abgefüllt. Stimmt der Preis nicht oder der Whisky hat mir gar überhaupt nicht geschmeckt (was auch oft passiert), ist das Fass raus!

Schlusswort

Ich habe tatsächlich schon mitbekommen, dass viele Fässer ungesehen und ohne diese verkostet zu haben abfüllen. Das ist ein gewagtes Spiel und würde niemals für mich infrage kommen! Schließlich kauft man ja auch kein Auto, ohne es Probe gefahren zu haben! Mit meiner Methode bin ich in der Vergangenheit gut gefahren, habe tolle Fässer verkostet, bei denen es leider nicht nur einmal am Preis scheiterte. Hin und wieder ist aber auch etwas dabei, bei dem alles passt. Und das landet dann auch in der Flasche, hinter der ich mit meinem Namen stehe!

In diesem Sinne – Slàinte mhath!
Euer Pat